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Im Schnee-Chaos

titelhubsi

Seit Tagen schneit es. Schon lange gab es im Pinzgau nicht mehr soviel Schnee. Hirsch Hubert sitzt in der warmen Stube und schaut zu, wie dicke Schneeflocken endlos vom Himmel fallen. Außer dem Schneeschaufeln kann man im Freien nicht viel unternehmen. Alle Waldbewohner haben sich in ihre Quartiere zurückgezogen. Der erste Schnee war für Hubsi eine große Freude: Schlitten fahren, Schneemann bauen, einen Hügel für eine coole Rutsche schaufeln… - das hat viel Spaß gemacht. Aber was anfangs noch lustig war, wurde bald zur Plage. Der Wald versinkt langsam im Schnee-Chaos. Für die kleinen und großen Tiere wird das Leben durch die Schneemassen ziemlich mühsam. „Jetzt muss ich schon wieder Schneeschaufeln gehen“, jammert Hirsch Hubert, als ihn seine Mutter darum bittet. Aber wer nicht ständig den Weg vor dem Haus freischaufelt, wird bald eingeschneit und sitzt zu Hause fest.

Hubsi hat seine Freunde schon seit Tagen nicht mehr getroffen. Wie es ihnen wohl geht? „Ich würde echt gerne wissen, was Hase Hoppel so treibt“, denkt sich der vierbeinige Knilch. Der kleine Hase wird von den Schneemassen bestimmt schon überragt. Er kann zwar hoch springen, aber bei diesen Bergen an Schnee kommt er sicher nicht voran. „Mama, schön langsam mache ich mir Sorgen um Hoppel. Den kleinen Kerl hat es in seinem Bau doch bestimmt schon eingeschneit, glaubst du nicht auch?“, fragt er besorgt. „Ja, das kann gut sein. Wir Hirschen kommen im Schnee gut voran, aber für kleinere Waldbewohner ist das schon mühsam“, antwortet Frau Hirsch. Da fasst der Geweihträger einen Entschluss: „Ich wage mich hinaus ins Schneechaos und mache mich auf die Suche nach Hoppel“, entscheidet der Vierbeiner spontan.

„Ich muss nach Hoppel schauen“, beschließt Hubsi.

Kurze Zeit später steht Hubsi vor dem Haus. Dort trifft er auf den dicken Spatz Franz, der gerade einige Körner vom Vogelhäuschen in sich hineinstopft. „Franz, gut dass ich dich treffe. Tust du mir einen Gefallen?“, fragt Hirsch Hubert freundlich. „Aber klar doch, Hubsi! Du versorgst mich immer mit Futter, für dich mach ich doch alles“, erklärt das Federvieh und will wissen, was es denn für den Geweihträger tun kann. „Ich mache mir Sorgen um Hase Hoppel. Würdest du bei ihm vorbeifliegen? Der Schnee hat den Weg zu seinem Bau komplett versperrt. Aus der Luft kannst du bestimmt erkennen, ob bei Hoppel zu Hause alles in Ordnung ist“, ersucht der tierische Geselle den Spatz. „Klar, ich jette mal kurz rüber zu ihm und werde dir dann Bericht erstatten“, verspricht das Federvieh, stopft sich noch einige Körner in den Schnabel und fliegt durch die Schneeflocken flink davon. Hase Hoppel wohnt nur einige Kurven von Hubsi entfernt. Normalerweise ist es ein Katzensprung zu dem Langohr. Aber im Wald gibt es keinen Schneeräumdienst. Da ist das Passieren der Wege dann nicht mehr möglich.

Nur wenige Augenblicke später ist Franz bereits wieder im Anflug. Völlig außer Puste landet er am Vogelhäuschen und schildert mit piepsender Stimme: „Also, Hase Hoppels Bau ist vollkommen eingeschneit. Der kommt bestimmt nicht mehr raus. Ich glaube, da sollte dringend jemand einen Weg freischaufeln! Nicht, dass die Hasenpfote noch erstickt in seiner zugeschneiten Hütte“, meint der Spatz aufgeregt. „Ja, und dieser jemand bin ich! Ich werde sofort meine Schaufel holen und Hase Hoppel retten!“, ruft Hubsi voller Tatendrang.

Hubsi sieht weiß.

Gesagt, getan. Schon beginnt der hilfsbereite Knabe mit der größten Schaufel, die er besitzt, einen Weg zu Hase Hoppel zu bahnen. Dieses Unterfangen erweist sich als Schwerstarbeit. Schon nach der ersten Kurve ist Hubsi durchgeschwitzt und völlig erschöpft. Eine Schaufel Schnee nach der anderen schöpft er nach rechts und links, damit in der Mitte ein schmaler Weg entsteht. So kämpft sich der Kerl Meter um Meter vorwärts Richtung Hoppels Bau. Überall Schnee, Schnee, Schnee - Hubsi verliert fast die Orientierung. Er hofft, dass es nicht mehr allzu weit ist, bis er Hoppels Hütte erreicht. Da fliegt der dicke Franz vorbei. Die Neugierde ließ ihn hinterhereilen. „Servus Franz, toll, dass du da bist. Schau mal von oben nach, wie weit es noch bis zu Hoppel ist. Ich kann vor lauter Weiß gar nichts mehr erkennen“, jammert der Geselle, während er seine Schaufel schwingt. Der Spatz ruft ihm zu: „Hubsi, streng dich an, bald hast du es geschafft! Es sind vielleicht noch fünf Meter, bis der Weg zu Hoppel freigelegt ist.“ „Puh, so eine Schinderei! Langsam geht mir die Puste aus. Ich hoffe, Hoppel ist überhaupt zu Hause! Ich glaube, sonst mache ich Hasenbraten aus ihm!“, röchelt der Vierbeiner. Da streckt Hubsi seinen Kopf zum Himmel und stellt voll Freude fest: „Es hat endlich aufgehört zu schneien! Hurra, es kommt tatsächlich die Sonne durch!“, ruft er mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Juchhu, nun ist das Fliegen auch wieder einfacher!“, zwitschert Franz, der plumpe Spatz, und freut sich auch über das Ende des Schneefalles.

Hubsi ist der Held des Tages.

„Jetzt aber auf zu Hoppel! Bald werde ich seine Tür erreichen. Der wird Augen machen!“, glaubt Hubsi, seinem Ziel schon sehr nahe zu sein. Und tatsächlich: Nach anstrengendem Schneeschaufeln den ganzen Nachmittag lang, ist der Weg zu Hoppel endlich frei geräumt, und Hubsi steht vor seinem Bau. Als er anklopft und die Tür sich knarrend öffnet, steht ein völlig aufgelöster Hoppel vor ihm. „Hubsi, mein Freund, mein Retter! Mich hat es komplett eingeschneit, ich kann meinen Bau seit Tagen nicht mehr verlassen. Ich dachte schon, ich muss hier verrotten. Aber jetzt bist DU da, und alles wird gut!“, schreit Hoppel mit Tränen in den Augen und umarmt seinen Kumpel. Mit einer so leidenschaftlichen Begrüßung hat Hirsch Hubert nicht gerechnet. „Ist ja gut, Hoppel! Du kannst mich wieder loslassen. Ich ersticke ja, wenn du mich so fest drückst“, lacht er nach Luft ringend. Als sich Hoppel wieder beruhigt hat, lässt er sein Gegenüber los und schaut sich neugierig um. Da sieht das Langohr den Weg, den Hubsi geschaufelt hat. Voller Freude hüpft er hinaus und grinst zur Sonne. „Na, Hoppel, da werden wir Frau Holle mal ersuchen, dass sie ihre Betten ab sofort nicht mehr so heftig schüttelt!“, scherzt Hirsch Hubert. „Ja, die Frau Holle, die hat heuer echt einen Vogel!“, antwortet das Langohr lachend. Heute hat Hubsi wirklich eine gute Tat vollbracht. Das wird ihm sein Freund bestimmt nie vergessen.

Text: Karin Nill